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Wenn man sich so lange wie ich nur mit den Produkten eines Herstellers befasst, kann es vorkommen, dass man eines Tages den „Tunnelblick“ bekommt.
Einerseits glaubt man, dass es auf dem Markt nichts besseres gibt als das eigene Gerät, ohne dessen tollen Eigenschaften man sein Hobby nicht ausleben könnte, andererseits ärgert man sich über „krumme“ Funktionen und „Bugs“ halbtot und fragt sich, warum diese Missstände gerade im Keyboard des „eigenen“ Herstellers so oft zu finden sind.
Im Spätherbst 2008 litt ich wohl gerade unter diesem Tunnelblick, dazu gesellte sich ein kleines „Burnout-Syndrom“, was meine Schaffenskraft mit dem G-70 betraf.
Just zu dieser Zeit besuchte ich eine Produktvorstellung für Yamahas neuen Tyros 3.
Ich war so begeistert über dessen (von mir bis dato ignorierten) Technologie, dass sich in mir der Wunsch regte, mehr darüber zu erfahren und etwas über den „Roland-Tellerrand“ zu blicken.
Nun, da der Tyros3 nicht gerade ein Schnäppchen in der Anschaffung darstellte, legte ich mir nach einem kurzen Umweg über das PSR-500 das Mittelklasse-Key Yamaha PSR-S900 zu. Es waren fast neue Welten, die ich da fand hinterm Tellerrand des G70!

 Allgemeiner Eindruck
Nun, was da „stofflich“ vor mir steht, sieht nicht gerade nach 1600 - 1800.- € aus.
Soll wohl den Anschein eines silbergrauen Metallgehäuses erwecken, ist aber tatsächlich aus mehr oder weniger „billigem“ Kunststoff.
Und fühlt sich auch so an; fast wie ein Faller-Häuschen-Bausatz für die Märklin-Eisenbahn.
Angenehm ist dabei nur das rückenfreundliche Gewicht. Beim Anheben des Geräts muss man darauf achten, dass es nicht zur Zimmerdecke hin durch flutscht.
Gerät man dabei mit den Fingerkuppen unter die Tastatur,.... hohl,... wieder eine Assoziation zu Faller Bausatz.  
Diese Tastatur braucht man nicht näher zu beschreiben. Entweder ich müsste sie ganz mies machen, oder mir fehlten bei Gegenüberstellung zum Roland G70 die Superlativen, also... vergessen (ich habe aber auch schon schlechtere gespielt).
Dafür machen die vielen Bedientaster einen soliden, Vertrauen erweckenden Eindruck. Sie bestehen aus weichem, angenehmen griffigen Gummi oder Kunststoff (mit Weichmacher??) und vermitteln ein zwar etwas wackeliges, aber trotzdem „sicheres Schaltgefühl“ mit „tiefem, leisen Plopp“.
Und auf das saubere Display meines PSR schaute ich lieber als heute auf die Fingerabdruck-Kartei des pa800/3X. Somit weiß auch jetzt der letzte, das PSR-S900 verfügt nicht über ein Touch-Screen.
 
 
 Sound    
Wie beschreibt man die Sounds dieses Keyboards?
Wie viele sind es überhaupt?
In Werbe-Prospekten der verschiedensten Händler findet sich meist die Angabe „ mit 891 Sounds“.
Yamaha druckt in seinem Handbuch u.a. folgende Tabelle ab
(siehe rechte Abbildung):
Also, ich habe sie nicht nachgezählt und wahrscheinlich auch noch nicht alle angespielt. Aber viele habe ich schon angespielt, und ich muss sagen, ich bin noch immer beeindruckt.
Diese "Klänge" leben ohne viel Schrauberei. Hier kann man einfach drauf los spielen und hört meist das, was man bei Anwahl eines Soundnamens erwartet. Denn im PSR-S900 findet man neben der Bezugsnähe im Namen noch zusätzlich bei vielen Sounds vorgesetzte Icons, die auf Besonderheiten des Sounds hinweisen.
Mega–Sounds“ zum Beispiel weisen durch diesen Hinweis darauf hin, dass diese Sounds in erster Linie für Styles und Midifiles gedacht sind.
Andere verweisen auf besondere Klangeigenschaften, die durch verschiedene Anschlagstärken und / oder gebundene /ungebundene Notenanschläge erzielt werden.
 
Kleiner Tipp am Rande: Man sollte gar nicht erst versuchen, diese „Effektmöglichkeiten“ (Bending, Sliding bei Gitarren) bewusst steuern zu wollen. Am besten einfach drauf los spielen. "Papa Zufall" sorgt in den meisten Fällen für den Rest und, damit verbunden, für angenehme „Aha-Effekte". Da macht spontanes Spielen ohne stundenlange Vor- und Speicherarbeiten so richtig Spass.......
 Styles    
Um meine Meinung zu den Yamaha-Styles zu formulieren, beginne ich am besten mit einem Satz im reinen Konjunktiv:
Gäbe es nicht die Möglichkeiten, eigene Styles selbst zu erstellen und im jeweiligen Keyboard zu speichern,
könnte man keine Styles nachkaufen,
wäre ich also somit auf die Werkstyles der verschiedenen Keys angewiesen und
müsste ich mich wegen diesen Umständen für ein Keyboard entscheiden,
 
ja dann würde meine Wahl auf ein Yamaha Keyboard fallen.
 
Man sollte mit Begriffen der Superlative sparsam umgehen. Mit welchem Attribut beispielsweise soll ich die Yamaha-Styles belegen, wenn ich die Styles im G-70 als „großartig“ bezeichne?
Einschalten, Style anwählen, eines der 4 One Touch Settings dazu und ab geht die Minna.
Wie schon bei den Sounds beschrieben, laden diese Styles ebenfalls zum Spielen ohne viel Schrauben ein, und dies wirklich in allen Genres.
Für „Otto Normalverbraucher“ (meine ich nicht abfällig) sind das die besten Styles, die ich je gehört habe.
Bezüglich meiner musikalischen Ansprüche (nicht Fähigkeiten! ) gibt es jedoch ein kleines, leider aber unlösbares Problem.
Dazu an anderer Stelle mehr....
Und eines sollte auch nicht verschwiegen werden:
Ist man mit seinem Yamaha Keyboard nur auf vom Hersteller hergestellte Styles angewiesen, beherrscht also nicht die Erstellung von grundlegend eigenen Styles, fällt man irgendwann ins yamahische Langeweile-Einheitsbrei-Tief.
Irgendwann entdeckt man, dass selbst Titel wie "Rocking All Over The World" irgendwie an die Flippers erinnern...........
Mit ein Grund dafür, dass das kleine Kistchen letztendlich den Platz in meiner heiligen Halle räumen musste!
 
 
 Effekte    
In diesem Bereich wurde beim PSR-S900 geklotzt, nicht gekleckert.
Wie an anderer Stelle beschrieben, kann der G70 über die „normale Reverb/Chorus-Abteilung“ hinaus über nur ein zusätzliches Multieffekt-Gerät verfügen, und dies sogar nur mit den Live-Parts.
Nun, das Yamaha-Kistchen hat für etwas mehr als die Hälfte des G-70 Anschaffungspreises gleich deren vier an Bord, die sich dann auch noch auf das Vielfältigste zu den einzelnen Parts routen lassen.
Da lässt sich dann die etwas umständliche Bedienung dieser Effekte leicht verschmerzen.
Möglicherweise kommt es mir aber auch nur so vor, weil man ja bei dem wenigen, was andere da zu bieten haben, nicht so viel übersehen oder falsch machen kann.
Ach so, so ganz am Rande: die einzelnen Effekte im PSR-S900 stehen denen im G70 und auch pa800 in nichts nach, einige gefallen mir persönlich sogar besser.
 
Eines empfinde ich allerdings wirklich als sehr lästig im Yamaha-Gerät:
Braucht man einen ganz bestimmten Effekt zu einem ganz bestimmten Sound und möchte innerhalb dieses Effekts auch nur einen einzigen Parameter leicht verändern, so kann dies nicht in der entsprechenden User-Peformance (beim G70 = UPG ) gespeichert werden.
Man ist gezwungen, den nur minimal geänderten Effekt als komplett neuen User-Effekt zu speichern. Auf der Soundebene verhält es sich übrigens ähnlich.
Auf so verworrene Funktionen kam in ihrer letzten Zeit sonst nur noch die Firma Roland.
 Gesang / Vocal Harmony 
Auch das Yamaha PSR-S900 verfügt über eine „Gesangsanlage“ inklusive VOCAL HARMONY.
Wie im G-70 und pa800 kann man mehrere Global- und Individual-Einstellungen im Microbereich abspeichern.
Dadurch sind dann ebenfalls viele Songs mit ihren spezifischen Gesangs-Einstellungen spielbar.
Leider fehlen die direkten Zugriffsmöglichkeiten für Lautstärke und Effekte über Potis.
Und was noch mehr schmerzt, das Microsignal kann nur über den einen PSR-S900 Stereo-Gesamtausgang geschickt werden.
Änderungen am Mastervolumen des Keyboards wirken sich also auch auf den Micro-Kanal aus, so nicht unbedingt erwartet beim bisherigen Eindruck über das Gerät.
 
An dieser Stelle folgte einst mein Eindruck über die im PSR-S900 eingebaute Vocal Harmony.
Es war eine recht lange Aufzählung der schlimmsten Fehler und Unzulänglichkeiten dieser Funktion des PSR-S900. Das muss hier nicht noch einmal so beschrieben sein.
Kurz, ich habe noch nie in einem sonst so zufriedenstellenden Gerät
eine solch schlecht umgesetzte Funktion vorgefunden.
Ich habe mich einige Stunden damit versucht, und sie seitdem nie wieder eingeschaltet. Im damaligen Yamaha-Forum erklärten mir einige „Hardliner“, dies könne nur mit meiner „ungeschulten“ Stimme zu tun haben. Man zählte mir einige Namen der Yamaha-Elite-Vorführer auf, die alle prächtige Ergebnisse dieser Funktion vorweisen könnten.
Mag wohl sein, dass meine ungeschulte Stimme mit deren Gesangsorgan nicht mithalten kann. Nur bliebe dann noch zu klären, wie das die entsprechenden Funktionen von Roland, Korg ih, Digitech Vocalist und schließlich TC-Helicon bisher geschafft haben.....
Jetzt ist es doch wieder länger geworden, obwohl ich nur sagen wollte:
die eingebaute Vocal Harmony im PSR-S900 taugt nix........
 
Kurzfazit
Ideal für Leute, die zwar sehr gerne musizieren, nicht aber stundenlang über Arrangements brüten und diese erstellen wollen.
Natürlich ist auch letzteres in gewissem, beschränkten Rahmen möglich.
Eine riesige Menge sehr guter Styles lädt zum direkten Drauflos spielen ein.
Für diese Preisklasse außergewöhnlich viel gute und vor allem brauchbare Features.
Ein idealer „Soundspender“ im kleinen Privatstudio mit noch kleinerem Budget.
Ich benutzte seine tollen Styles sehr gerne als Ideengeber zur Style-Erstellung auf dem G-70 und pa800.
Dieses Keyboard bietet wirklich, was die Werbung verspricht, und das ist viel für diesen Preis, mehr findet man nach dem Kauf allerdings auch nicht vor...
Als Alleinunterhalter schnuppert man zwar mit diesem Instrument an der Tyros-Klasse,
erfüllt allerdings damit nur die Minimalst-Voraussetzungen für „echte Gigs“.
 
Was mich ein bisschen befremdet, ist die Tatsache, dass Yamaha laufend „neue“ Modelle fast schon inflationär auf den Markt wirft, dies bei der Kundschaft aber nicht unangenehm aufstößt. Die sind sich offenbar gar nicht so bewusst, dass da manche Modelle auf dem Weg von der Warenentnahme zur Kasse schon veraltet sind.
Naja, sollte man aber auch nicht überbewerten.
Ging mir mit Rolands G-70 nicht wirklich besser, wenn ich bedenke, dass ich da fast ein Jahrzehnt lang das „neueste“ Arranger Keyboard aus diesem Hause besaß........

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